Das Sustainable Web Manifest

Solofolge

Sechs Prinzipien, ein Blatt Papier, kein einziger technischer Grenzwert: Das Sustainable Web Manifest ist der einfachste Einstieg in digitale Nachhaltigkeit, den ich kenne. Ich gehe alle sechs Punkte durch und sage, wo ich sie in der Praxis anders auslege als gedacht.

Das Sustainable Web Manifest ein idealer Startpunkt, um ein nachhaltiges Mindset zu entwickeln und sein zukünftiges Handeln bei der Erstellung und Optimierung von Webseiten danach auszurichten. Es enthält 6 einfache Grundsätze, die grundlegend für ein zukünftiges nachhaltiges Internet sein sollen, das mit einem nachhaltigen Planeten und einer nachhaltigen Gesellschaft vereinbar ist.

Shownotes:

Ein Manifest, dem kaum jemand widerspricht

Als ich diese Folge im August 2024 aufgenommen habe, hatten 3.973 Menschen das Manifest unterzeichnet. Heute sind es 4.664. Knapp 700 Unterschriften in zwei Jahren, weltweit, das sind etwa 29 pro Monat. Ein Text, dem praktisch niemand inhaltlich widersprechen kann, wächst also im Schneckentempo.

Das Manifest stammt vom 30. April 2019 und geht auf Tom Greenwood zurück, den viele vom Website Carbon Calculator kennen, sowie auf Tim Frick und weitere Mitstreiter. Es besteht aus sechs Prinzipien: sauber, effizient, offen, ehrlich, regenerativ und widerstandsfähig. Die Seite selbst hält sich an ihre eigenen Regeln, im Dark Mode kommt sie mit rund 30 Kilobyte aus. Das ist seltener, als es sein sollte.

Sechs Prinzipien ohne einen einzigen Grenzwert

Keine Kennzahlen, keine Schwellenwerte, keine Zertifizierung. Ich halte das für eine Stärke. Wer bei Nachhaltigkeit mit Messwerten anfängt, optimiert am Ende Zahlen. Wer mit Prinzipien anfängt, trifft andere Entscheidungen, bevor überhaupt etwas zu messen ist.

In der Folge gehe ich alle sechs Punkte durch. Sauber heißt für mich nicht, dass irgendwo ein Zertifikat eingekauft wurde, sondern dass der Anbieter sein Rechenzentrum tatsächlich mit Ökostrom betreibt und seine Hardware lange nutzt. Offen heißt, dass ich keine Login-Schranke baue, nur um Adressen zu sammeln. Ehrlich heißt, auf künstliche Verknappung und reißerische Überschriften zu verzichten. Widerstandsfähig heißt, dass die Seite auch dann funktioniert, wenn die Verbindung schlecht ist oder der Server unter Last steht.

Die Zahl, die ich heute weglassen würde

Beim Wiederhören ist mir etwas aufgefallen, das ich 2024 nicht erwähnt habe.

Info
Auf der Manifest-Seite stehen drei verschiedene Angaben dazu, an welcher Stelle das Internet im Ranking der Emittenten läge: Platz 13 im Zitat oben, Platz 4 im Fließtext darunter und Platz 6 im vorbereiteten Text für die sozialen Netzwerke. Alle drei auf einer Seite.

Das ist kein Vorwurf an die Autoren, sondern ein Lehrstück. Solche Vergleiche wandern jahrelang durch Präsentationen, während sich die zugrunde liegenden Modelle und Prognosen längst geändert haben. Man könnte fast mutmaßen, dass Platz 1 bald in Reichweite kommt durch den KI-Hype. Ich würde die Zahl deshalb gar nicht mehr verwenden. Die sechs Prinzipien tragen auch ohne sie.

Was ich dem Manifest hinzufügen würde

Der stärkste Gedanke steht nicht in den Prinzipien, sondern in ihrer Reihenfolge: Sauber kommt vor effizient. Erst die Energiequelle, dann die Optimierung. Ich würde einen siebten Punkt davor setzen, und der ist unbequemer als die anderen sechs zusammen: Was gar nicht erst gebaut wird, muss weder sauber noch effizient betrieben werden.

Dein erster Schritt

Geh auf sustainablewebmanifesto.com und unterschreibe. Aber bitte nur, wenn Du es ernst meinst. Eine Unterschrift unter sechs Prinzipien, an die man sich anschließend nicht hält, ist nichts weiter als eine weitere Nachhaltigkeitsbehauptung im Netz, und davon gibt es genug.

Tipp
Nimm nach dem Unterschreiben ein einziges Prinzip und prüfe damit eine konkrete Entscheidung aus Deinem letzten Projekt. Zum Beispiel: Welches Skript liegt auf Deiner Startseite, das niemand angefordert hat?

Ein Manifest, das man nur unterschreibt, ändert nichts. Ein Manifest, gegen das man eine Entscheidung prüft, schon.