Wenn ich in Beratungsgesprächen frage, wie hoch der CO₂-Anteil der Digitalwirtschaft am globalen Ausstoß ist, höre ich meistens: „Etwa zwei Prozent – wie der Flugverkehr." Das ist falsch. Und eine neue Studie in Nature Communications Sustainability belegt das mit einer Methodik, die ich so noch nicht gesehen habe. Und KI hat das Problem seitdem sicher nicht kleiner gemacht.
Was die Studie anders macht
Janna Axenbeck und ihr Team haben nicht nur gemessen, was Rechenzentren und Mobilfunknetze direkt verbrauchen. Sie haben die gesamten eingebetteten Emissionen digitaler Industrien berechnet – also alles, was in den Lieferketten entsteht: Rohstoffabbau, Chip-Herstellung, Logistik, Energie für die Produktion. Das Ergebnis für 2021: 4,1 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf das Konto digitaler Technologien. Und 77 bis 87 % davon entstehen vorgelagert in der Lieferkette – also in Scope 3, dem Teil, den die meisten Unternehmensbilanzen noch immer nur unvollständig erfassen.
42 Prozent landen in anderen Branchen – und verschwinden damit aus dem Blick
Das finde ich am bemerkenswertesten: Fast die Hälfte der digitalen Emissionen taucht gar nicht in der Digitalwirtschaft auf. Sie landen in den Bilanzen von Automobilherstellern, Maschinenbauern, Finanzdienstleistern, Haushaltsgeräteherstellern. Weil Chips in Autos stecken, Software in Industrieanlagen läuft und IT-Infrastruktur in jeden Produktionsprozess eingebaut ist.
Die Studie nennt das treffend „obscured" – verdeckte Emissionen. Sie entstehen durch digitale Technologien, werden aber keiner digitalen Branche zugerechnet. Klassische CO₂-Bilanzen, die nur Scope 1 und 2 betrachten, sehen diesen Teil schlicht nicht.
Hardware bleibt dominant – IT-Services werden zum Problem
Hardware verursacht weiterhin den größten Anteil der eingebetteten Emissionen. Das überrascht nicht: Die Produktion eines Chips ist energie- und materialintensiv, lange bevor das fertige Gerät jemals eingeschaltet wird.
Gleichzeitig wächst der Anteil von IT-Services überproportional. Die Nachfrage hat sich zwischen 2010 und 2021 mehr als verdoppelt. Und das Paper betont ausdrücklich: Der KI-Boom ab Ende 2022 ist in diesen Daten noch gar nicht enthalten. Was wir heute sehen – explodierende Rechenzentrumskapazitäten, Milliarden für Nvidia-Chips, Trainingsläufe für große Sprachmodelle – das wird in zukünftigen Analysen sichtbar werden. Und es wird die Kurve steil nach oben treiben.
Was das für meine Arbeit bedeutet
Digitale Nachhaltigkeit darf nicht bei Serverstandorten und Stromverbrauch aufhören. Der große Hebel liegt woanders:
- Beschaffung: Welche Hardware kaufe ich, von wem, wie lange nutze ich sie?
- Software-Suffizienz: Brauche ich wirklich ein großes KI-Modell, oder reicht ein kleineres?
- Lieferketten: Welche digitalen Inputs stecken in meinen Produkten und Dienstleistungen?
Ich schreibe das nicht als abstrakten Appell. Genau diese Fragen stehen im Zentrum meines Buches „Nachhaltige Websites" und meiner Beratungsarbeit. Wer heute nur Rechenzentrumsemissionen misst, rechnet sich arm – und arm an Transparenz.
Den vollständigen Open-Access-Artikel gibt es bei Nature: nature.com/articles/s44458-025-00022-6
