Microsoft löscht die Empfehlung, nicht den Speicherbedarf

Im Oktober 2025 galt ein PC mit 8 GByte Arbeitsspeicher als Auslaufmodell. Heute verkauft Microsoft ihn wieder. Am Speicherbedarf von Windows 11 hat sich in diesen zehn Monaten nichts geändert. Geändert hat sich der Preis von Arbeitsspeicher.

Die Kette ist kurz, und sie lohnt sich, weil sie ein Prinzip zeigt, das weit über Betriebssysteme hinausreicht.

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Zehn Monate in vier Schritten

Oktober 2025: Der Support für Windows 10 endet. Wer die Hardware-Anforderungen von Windows 11 nicht erfüllt, soll aufrüsten oder neu kaufen. Canalys schätzte rund 240 Millionen Geräte, die als Elektroschrott enden könnten. Eine Modellrechnung, keine Messung, aber die Größenordnung war unstrittig.

November 2025: Microsoft veröffentlicht einen Support-Artikel, der 16 GByte als praktische Basis und 32 GByte als sorgenfreie Ausbaustufe für Spieler nennt.

Juni 2026: Surface Pro 12 und Surface Laptop 13 starten in Konfigurationen mit 8 GByte. Für das eigene Copilot-Plus-Siegel, das 16 GByte verlangt, qualifizieren sie sich damit nicht.

August 2026: Der Support-Artikel ist verschwunden. Die alte Adresse leitet auf die Startseite des Learning Centers um.

Dazwischen liegt kein technischer Erkenntnisgewinn, sondern ein Preisschock. TrendForce beziffert den Anstieg bei PC-DRAM allein im ersten Quartal 2026 auf 105 bis 110 Prozent. Der Grund liegt nicht im PC-Markt: Samsung, SK Hynix und Micron haben ihre Fertigung auf margenstärkeren Speicher für KI-Beschleuniger verschoben. Der Bedarf der Rechenzentren verdrängt den Speicher für Endgeräte vom Produktionsband. Im zweiten Quartal 2026 fielen die weltweiten PC-Auslieferungen laut IDC um 4,9 Prozent auf 68,2 Millionen Stück, der erste Rückgang nach neun Wachstumsquartalen.

Gelöscht wird die Empfehlung, nicht der Bedarf

Es war nicht die erste Löschung. Bereits im Mai verschwand ein anderes Dokument, das 32 GByte als sorgenfreie Zone bezeichnet hatte. Damals sorgte Microsoft zusätzlich dafür, dass die zurückgezogene Seite auch im Internet Archive nicht mehr auftaucht. Löschen ist das eine. Die Archivierung mit zu unterbinden, ist eine eigene Qualität von stillschweigend.

Entscheidend ist, was dabei nicht passiert ist. Windows 11 belegt heute genauso viel Arbeitsspeicher wie vor der Löschung. Windows-Chef Pavan Davuluri hat Ende Juli angekündigt, den Speicherbedarf zu senken, mit besonderem Blick auf Systeme mit 8 GByte, ausgeliefert werden soll das vor Ende 2026. Ein wesentlicher Treiber ist Webview 2: Viele native Windows-Apps, in Teilen auch der Datei-Explorer, bringen eine eigene Chromium-Laufzeit mit. Der Umbau auf WinUI 3 soll das ändern, weil sich Anwendungen die Ressourcen dann teilen.

Wer im Web unterwegs ist, erkennt das Muster sofort. Jede App mit eigener Browser-Engine ist dasselbe Problem wie jede Seite mit eigenem JavaScript-Framework für ein Akkordeon-Menü. Nicht die einzelne Entscheidung ist teuer, sondern ihre Vervielfachung.

Was Preise erzwingen und Argumente nicht

Genau diese Optimierung fordere ich seit Jahren, und zwar mit Argumenten, die niemanden Geld kosten: weniger Ressourcenverbrauch, längere Gerätelebensdauer, bessere Performance auf schwacher Hardware, weniger Elektroschrott. Gehört wurde das selten. Jetzt steigt der Einkaufspreis für DRAM, und plötzlich ist Speichereffizienz ein Produktziel mit Termin.

Das ist die gute Nachricht und die schlechte zugleich. Knappheit wirkt. Sie wirkt aber erst, wenn sie auf der Rechnung steht, und sie wirkt zuerst auf die Kommunikation, nicht auf den Code. Bisher wurde eine Empfehlung entfernt, kein Byte eingespart.

Tipp
Übertrag auf Deine Website: Öffne die Netzwerkanalyse im Browser und sortiere die Ressourcen nach Größe. Prüfe bei den drei größten nicht, wie Du sie kleiner bekommst, sondern ob sie überhaupt geladen werden müssen. Diese Frage kostet zehn Minuten und spart mehr als jede Komprimierung.

Die sparsamste Speicheranforderung ist die, die nie gestellt wird. Dass ausgerechnet der Preis diese Einsicht durchsetzt, sagt weniger über Microsoft als über uns alle: Effizienz entsteht bei Microsoft nicht aus Einsicht, sondern aus Einkaufspreisen.

Quellen: Golem: Windows 11 braucht zu viel Arbeitsspeicher, meint Microsoft , Golem: Microsoft kassiert eigene RAM-Empfehlung stillschweigend ein , Windows Latest zur Löschung der Dokumente , IDC zum PC-Markt im zweiten Quartal 2026