Vor zehn Monaten habe ich Grokipedia an dieser Stelle als PR mit KI-Finish beschrieben. Inzwischen ist das Projekt kein Aufreger mehr, sondern ein Standbild: Seit dem 24. April 2026 hat sich in den untersuchten Artikeln nichts mehr verändert. Nicht ein einziger.
Man könnte das für eine gute Nachricht halten. Problem erledigt, Enzyklopädie tot. Ich sehe das anders. Ein eingefrorenes Nachschlagewerk ist nicht harmlos, sondern der schlechteste aller möglichen Zustände.
Sechs Millionen Artikel im Standbild
Renée DiResta und Ronald Robertson haben für Lawfare 34.519 Seiten ausgewertet. Ergebnis: keine einzige Änderung in mehr als drei Monaten. Die Prüfschlange läuft trotzdem weiter, Änderungsvorschläge stapeln sich im Status “in review”. Der schnellste Beleg ist ausgerechnet der Artikel über SpaceX, den Konzern aus demselben Firmenumfeld: Der größte Börsengang der Wirtschaftsgeschichte vom 12. Juni 2026 steht dort bis heute als bevorstehendes Ereignis. Auch die systemeigenen Bots “grok” und “Grok Editor”, die den Großteil der Bearbeitungen übernahmen, haben zwischen März und Mitte April den Betrieb eingestellt.
Ein totes Projekt ist kein abgeschaltetes
Genau hier beginnt der Teil, der mich als Berater interessiert. Ein Projekt kann redaktionell tot sein und technisch trotzdem in vollem Betrieb laufen. Similarweb zählt für Juni 6,7 Millionen Aufrufe. Selbst bei sparsamen 500 Kilobyte pro Seitenaufruf sind das über den Daumen rund 3,4 Terabyte Datenübertragung in einem einzigen Monat, für Inhalte, die niemand mehr pflegt. Das ist eine Überschlagsrechnung, keine Messung. Die Größenordnung stimmt trotzdem.
Dazu kommt der Teil, den kaum jemand sieht. Sechs Millionen Seiten werden weiter ausgeliefert, weiter gesichert, weiter gecrawlt. Crawler fragen nicht danach, ob sich etwas geändert hat, sie kommen nach Zeitplan. Bei einem eingefrorenen Bestand ist jede dieser Anfragen Rechenzeit, Datenverkehr und Energie ohne jeden Informationsgewinn. Serverlast entsteht hier nicht durch Interesse, sondern allein durch Existenz.
Löschen würde nichts löschen
Der schwerere Punkt liegt jenseits der Infrastruktur. Die Inhalte sind längst abgewandert. Eine Ahrefs-Auswertung von März 2026 fand rund 356.000 Zitate der Domain in KI-Antwortsystemen, am häufigsten in ChatGPT und Googles AI Mode. Wikipedia kommt dort auf etwa 25 Millionen. Das ist ein Siebzigstel, aber eben nicht null.
Eine eingefrorene Quelle, die weiterhin zitiert wird, speist veraltete oder verzerrte Angaben in genau die Systeme, die viele Menschen inzwischen anstelle einer Suche nutzen. Und selbst wenn xAI die Domain morgen abschalten würde: Die Texte stecken in Trainingsdaten, in Caches, in Archiven, in abgeleiteten Antworten. Es gibt im Web keinen Rückruf. Was einmal ausgeliefert wurde, bleibt in irgendeiner Form im Umlauf.
Was das für Deine eigenen Inhalte heißt
Ich erlebe in der Beratung regelmäßig Websites mit mehreren hundert Seiten, die seit Jahren niemand angefasst hat. Niemand liest sie, niemand pflegt sie, aber jede wird ausgeliefert, gesichert und gecrawlt. Das ist Grokipedia im Kleinen. Wer veröffentlicht, gibt eine Zusage ab: dass dieser Inhalt gepflegt wird. Wer die nicht halten kann, sollte ihn gar nicht erst erzeugen. Das ist der Suffizienz-Kern der Sache, und er gilt für KI-generierte Massentexte genauso wie für den Blogbeitrag von 2018.
Inhalte im Netz haben kein Verfallsdatum, nur Folgekosten. Die nachhaltigste Seite ist deshalb nicht die schnellste, sondern die, die es aus gutem Grund noch gibt.
Quellen: Lawfare: Grokipedia Stopped Reviewing Edits in April · t3n: Ist Grokipedia am Ende? · Ahrefs: Wikipedia vs Grokipedia · Mein Artikel vom 29.10.2025
