Rechenzentrums-Label 2027: Frag Deinen Hoster schon heute

Ein Label wie beim Kühlschrank, nur für den Serverraum

Nach EmpCo gegen Greenwashing kommt aus Brüssel das nächste Stück Klarheit. Am 21. September 2026 hat die EU-Kommission ein gemeinsames Bewertungssystem für Rechenzentren vorgelegt. Es gilt für einzelne Standorte ab 500 kW und soll zeigen, wie effizient ein Rechenzentrum mit Strom und Wasser umgeht.

Bewertet werden die Power Usage Effectiveness (PUE), die Water Usage Effectiveness (WUE) und der Anteil emissionsarmer Energie. Dazu kommen Netzdienste, die Bereitschaft zur Abwärmenutzung und die Frage, ob der Betreiber über Stromabnahmeverträge neue Erzeugungsanlagen mitfinanziert, die höchstens zehn Jahre alt sind. Das Label erzeugt die EU-Datenbank automatisch aus Daten, die Betreiber seit 2024 ohnehin melden. Parlament und Rat haben zwei Monate Zeit für einen Einspruch, ändern können sie den Text nicht. Die ersten Labels erwartet die Kommission 2027.

Warum ich mich darüber freue

In meiner Beratung höre ich von Website-Betreibern immer wieder denselben Satz: „Mein Hoster sagt, er ist grün.“ Nachprüfen konnte das bisher kaum jemand. Die Kommission veröffentlicht die gemeldeten Daten bislang nur aggregiert in einem Dashboard. Welches einzelne Rechenzentrum gut oder schlecht abschneidet, bleibt unsichtbar. Ein amtliches Label mit einheitlichen Kennzahlen kann das ändern, wenn es dort ankommt, wo Kaufentscheidungen fallen.

Es passt auch zur Logik von EmpCo: Nachhaltigkeitssiegel müssen auf einem Zertifizierungssystem beruhen oder von staatlichen Stellen stammen. Ein EU-Label erfüllt die zweite Bedingung. Selbst gebastelte Plaketten auf der Hoster-Startseite erfüllen keine von beiden.

Info
Ob das Label für jedes einzelne Rechenzentrum öffentlich einsehbar sein wird, geht aus Pressemitteilung und Q&A der Kommission nicht eindeutig hervor. Dort heißt es nur, es solle leicht zugänglich sein. Entscheidend wird, ob Du als Kunde es ohne Umweg über den Betreiber findest.

Deine Zahlen gibt es schon heute

Jetzt der Teil, den die meisten nicht kennen: In Deutschland musst Du nicht bis 2027 warten. Seit dem 1. Januar 2024 verpflichtet § 15 Energieeffizienzgesetz (EnEfG) Rechenzentrumsbetreiber, die Dienstleistungen für Dritte anbieten, ihren Kunden die direkt zuzuordnenden Energieverbräuche pro Jahr darzustellen.

Wer bekommt diese Zahlen tatsächlich? Nach meiner Erfahrung vor allem große Unternehmen, die ihre IT-Emissionen für den Nachhaltigkeitsbericht bilanzieren müssen und deshalb aktiv nachfragen. Kleine und mittlere Website-Betreiber wissen meist nicht einmal, dass es diesen Anspruch gibt.

Achtung
Ein Haken: Bei Shared Hosting betreibt Dein Hoster das Rechenzentrum oft nicht selbst, sondern mietet Fläche bei einem Colocation-Anbieter. Dann ist Dein Hoster der Kunde im Sinne von § 15, nicht Du. Frag trotzdem nach. Ein Hoster, der seine eigenen Zahlen kennt, kann Dir zumindest einen anteiligen Wert nennen.

Effizienz ist nicht das Ende der Geschichte

Bei aller Freude: Das Label misst, wie effizient ein Rechenzentrum arbeitet, nicht ob die Rechenleistung gebraucht wird. Die EU will ihre Rechenzentrumskapazität in fünf bis sieben Jahren verdreifachen. Nach Zahlen der Internationalen Energieagentur, die die Kommission zitiert, verbrauchten Rechenzentren in der EU 2024 rund 68 TWh Strom, bis 2030 könnten es 114 TWh sein. Die Kommission räumt im eigenen Q&A ein, dass der Kapazitätsausbau bisher mit einem vergleichbaren Anstieg des absoluten Energie- und Wasserverbrauchs einhergeht. Ein Rechenzentrum mit Bestnote, das doppelt so viel rechnet, verbraucht trotzdem mehr. Effizienz ohne Suffizienz verschiebt das Problem, sie löst es nicht.

Deshalb mein Vorschlag für heute: Schreib Deinem Hoster eine kurze Mail. Frag, in welchem Rechenzentrum Deine Website läuft, wie hoch dessen PUE ist und welcher jährliche Energieverbrauch auf Deinen Vertrag entfällt. Die Antwort verrät Dir mehr über seine Nachhaltigkeit als jedes Siegel auf der Startseite.

Das beste Gütesiegel für ein Rechenzentrum ist die Kilowattstunde, die gar nicht erst gebraucht wird.


Quellen: Europäische Kommission: Pressemitteilung IP/26/1667 · Europäische Kommission: Questions and answers on the Data centre energy efficiency package · Europäische Kommission: Energy performance of data centres · § 15 EnEfG · Golem: EU plant Energie-Rating für Rechenzentren