Web, But Greener! Mein nachhaltiger Monatsrückblick für Juni 2024

Es passiert jeden Monat eine Menge im Bereich der digitalen Nachhaltigkeit. Das ist mein persönlicher Rückblick auf alles Wichtige, was im Juni 2024 passiert ist, garniert mit ein paar persönlichen Gedanken und Jubiläen. Diesmal unter anderem mit einer Keynote bei einem DAX-Konzern, dem Update des Sustainable Web Design Models und dem runden Geburtstag der Cookies.
Shownotes: Persönlich:
- Keynote “Das Internet hat ein Strom- und Ressourcenproblem
- OMT-Botschafter Torsten Beyer
- Artikel WSB #80: Nachhaltige Websites - Datenvolumen und CO₂-Emissionen ermitteln und überwachen
Interessante Veröffentlichungen:
- Technology Carbon Standard (Proposed)
- Understanding the latest Sustainable Web Design Model update
- General Policy Framework for the Ecodesign of Digital Services
Kurznachrichten:
- Seltene Erden dank Bakterien zu 85% recycelbar
- Mehr Lebenszeit fürs Handy: Wie wir die Emissionen halbieren könnten
- Gratis Upgrade: “5G für alle” im Mobilfunknetz der Telekom
- (Vorläufiger) noyb-Sieg: Meta stoppt KI-Pläne in der EU
- Wer profitiert vom Rechenzentrumsboom in Deutschland?
Jubiläen:
Der Juni war vollgepackt – und das Cookie wird 30
Im Juni 1994 setzte Lou Montulli das erste Cookie im Internet. Sein Ziel: einfach nur merken, ob jemand schon mal auf einer Seite war, damit der Nutzer bestimmte Einstellungen nicht jedes Mal neu eingeben muss. Heute werden in einer einzigen Browser-Session Hunderte bis Tausende Cookies gesetzt. Diese Entwicklung hat mehr über den Weg des Internets erzählt als jede andere Technologie – und deshalb verdient das Jubiläum eine kurze Würdigung am Anfang.
Was ich im Juni erlebt habe
Der Monat hatte es in sich. Anfang Juni war ich bei Annabelle Whitney in Frankfurt bei einer Ausbildung zum Keynote-Speaker – drei Tage, zehn Teilnehmer, und ich habe mich von meinen PowerPoint-Folien getrennt. Nicht ganz, eine hatte ich am Ende noch. Aber der Versuch, eine Rede mit echten Geschichten, Humor und Emotionen anzureichern, war eine andere Welt für jemanden, der aus der Wissenschaft kommt. Das Video der Keynote ist auf YouTube – acht Minuten, ich freue mich über Feedback.
Wenige Tage danach: Keynote bei E.ON vor dem kompletten internen Digital-Marketing-Team auf Schloss Beensberg bei Köln. Themen: digitale Nachhaltigkeit, digitaler Hausputz, Optimierung digitaler Kommunikation. Das kam sehr gut an. Genau solche Auftritte will ich künftig öfter machen – in unterschiedlichen Längen, für unterschiedliche Teams.
Neu seit Juni: Ich bin OMT-Botschafter. Die Schnittmenge zwischen SEO und digitaler Nachhaltigkeit ist größer als viele denken, und ich freue mich, das Thema dort einzubringen. Außerdem ist mein Artikel in der Website Boosting #80 jetzt nach einem Jahr frei zugänglich – Datenvolumen und CO₂-Emissionen ermitteln und überwachen.
Mastodon-Update: Nach drei Monaten und sieben Followern habe ich den Account gelöscht. Kein Vorwurf an die Plattform – aber ein Account, der nichts bewegt, ist digitaler Ballast.
Interessante Veröffentlichungen im Juni
Drei Dinge haben mich besonders beschäftigt.
Der Technology Carbon Standard versucht das, was beim Greenhouse-Gas-Protokoll für physische Produkte gut funktioniert, auf Software, Cloud und Webseiten zu übertragen: Scope 1, 2 und 3 – also eigene Emissionen, eingekaufte Energie und vor allem die Nutzung beim Endgerät des Users. Gerade der Downstream-Bereich wird bei Webseiten bisher fast immer weggelassen, dabei findet dort bei vielen Plattformen der größte Teil der Emissionen statt.
Das Update des Sustainable Web Design Models ist wichtig: Die bekannten 360 Gramm CO₂ pro Gigabyte Datenvolumen – auf die ich mich auch oft berufen habe – werden voraussichtlich deutlich nach unten korrigiert, möglicherweise auf rund 100 Gramm. Das klingt nach guter Nachricht, ist aber kein Freifahrtschein: Das übertragene Datenvolumen steigt weiter exponentiell. Wer Daten reduziert, liegt immer richtig – egal welcher Faktor gerade gilt.
Und aus Frankreich: Die Regulierungsbehörde ARCEP hat ein 151-seitiges Policy Framework für Eco-Design digitaler Dienste veröffentlicht – die ersten verbindlichen EU-Richtlinien dieser Art. Jede Empfehlung ist mit Schwierigkeitsgrad, Priorität und Ziel dokumentiert. Wer Webseiten entwickelt und noch keine Inspiration hat, wo anzufangen ist: hier gibt es garantiert etwas Neues.
Kurznachrichten: Handy, 5G und Meta
Österreichische Forscher haben gezeigt, dass seltene Erden aus Elektroschrott dank Bakterien zu 85 Prozent rückgewonnen werden können. Das wäre ein echter Fortschritt – wenn der Schrott denn erstmal zurückgegeben wird. Die meisten alten Handys liegen in Schubladen.
Das Wuppertal-Institut hat nachgerechnet: Wenn Smartphones statt durchschnittlich zweieinhalb Jahren deutlich länger genutzt werden, lassen sich die CO₂-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus halbieren. Das ist keine Raketenwissenschaft, aber eine klare Botschaft an Hersteller und Politik – und an jeden, der jedes Jahr ein neues Gerät kauft, obwohl das alte noch funktioniert.
Gutes von der Telekom: Über vier Millionen Mobilfunkkunden haben zum Start der Fußball-EM ein kostenloses 5G-Upgrade bekommen. 5G verbraucht deutlich weniger als halb so viel Strom wie LTE. Schau auf dein Handy – steht da jetzt 5G? Dann weißt du warum.
Meta wollte alle Nutzerdaten aus Facebook und Instagram für KI-Trainings verwenden. Nach Massenprotesten und einer Beschwerde von noyb (Max Schrems) hat Meta das in der EU vorerst gestoppt. Auch hier ein Nachhaltigkeitsaspekt: Mehr KI-Training bedeutet mehr Strom und mehr Rechenzentren.
Jubiläen: Die Väter des Internets
Gleich zwei Persönlichkeiten, ohne die das Internet so nicht existieren würde, haben im Juni Geburtstag:
Donald Watts Davies wäre am 7. Juni 100 Jahre alt geworden. Er hat in den 1960er-Jahren das Konzept des Packet Switching mitentwickelt – die Idee, Daten in kleine Pakete aufzuteilen, die unabhängig voneinander übertragen werden. Ursprünglich aus dem militärischen Gedanken der Ausfallsicherheit geboren, ist es bis heute das Grundprinzip jeder Datenübertragung.
Vint Cerf hat am 23. Juni seinen 80. Geburtstag gefeiert – er lebt noch und ist aktiv. Als Mitentwickler von TCP/IP zählt er zu den wichtigsten Menschen der Internetgeschichte.
Und das erste Cookie: Lou Montulli setzte es im Juni 1994 im Netscape-Browser. Idee: merken, ob jemand schon auf der Seite war. Was daraus wurde – Cookie-Banner, Tracking, Digitalkapitalismus – hätte er wohl kaum so vorgesehen. Und es läuft bis heute: Cookies sind ein offener Internetstandard, auch wenn die Debatte um ihre Zukunft nicht endet.
Was du heute tun kannst
Öffne die Keynote auf YouTube und gib mir dein ehrliches Feedback. Und wenn dein Smartphone schon zwei oder mehr Jahre alt ist – reparieren statt kaufen, sofern es noch funktioniert.