Nachhaltigkeit ab der ersten Skizze

Die folgenreichste Nachhaltigkeitsentscheidung einer Website wird meistens in einem Workshop getroffen, in dem kein Entwickler sitzt. Sie lautet: zwei Schriftfamilien, vier Schnitte, dazu eine Bildsprache mit großflächigen Fotos. Eine einzelne WOFF2-Datei wiegt je nach Zeichenumfang 15 bis 30 KB, acht Schnitte summieren sich schnell auf 150 bis 200 KB, die bei jedem Erstbesuch übertragen werden. Zum Vergleich: Der System-Schriftstapel des Betriebssystems kostet null Byte. Diese Entscheidung fällt Monate vor der ersten Codezeile, sie steht anschließend in einem Markenhandbuch, und sie ist danach faktisch unverhandelbar. Guideline 2.3 ist der Versuch, genau diesen Moment zu erwischen.

Info

Die vier Erfolgskriterien von Guideline 2.3

Nachhaltige Markenentwicklung: Optimiere freigegebene Markenmaterialien und Assets vor der Veröffentlichung so, dass sie die Nachhaltigkeitsanforderungen der Organisation erfüllen, und überprüfe sie nach dem Start regelmäßig. Wo Markenrichtlinien existieren, nimm Angaben zur Umweltwirkung von Materialien und Assets auf, ergänzt um Hinweise zu nachhaltiger Produktion, Nutzung und Entsorgung.

Wireframes und Prototypen: Nutze Wireframes und schnelle Prototypen, um Ideen früh zu testen, rasch Einigkeit herzustellen, Risiken zu senken und unnötige Entwicklungsarbeit sowie unnötigen Ressourcenverbrauch zu vermeiden.

Beteiligung und Tests: Setze partizipative Gestaltungsmethoden über den gesamten Designprozess hinweg ein. Beziehe Nutzer in Tests und Iterationen ein und gib Gemeinschaften die Gelegenheit, ihr Wissen und ihre Erfahrung einzubringen, um das Produkt oder den Dienst zu verbessern.

Umweltbezogene Ideenfindung: Berücksichtige planetare Bedürfnisse und ökologische Grenzen bereits in der Ideenphase. Dazu können nicht-nutzerbezogene, nicht-menschliche Personas gehören, etwa tier- oder planetenbezogene Perspektiven, sowie klimaspezifische User Stories und Sprints.

Meine Einordnung

Das erste Kriterium ist das unterschätzteste der ganzen Guideline. Markenrichtlinien werden von Agenturen erstellt, die für Wiedererkennbarkeit bezahlt werden, nicht für Datenvolumen. Dass in einem Corporate-Design-Handbuch die Umweltwirkung der festgelegten Assets stehen soll, ist eine kleine Revolution. Es verschiebt die Verantwortung dorthin, wo sie entsteht: Wer eine Bildsprache mit ganzseitigen Fotos festlegt, entscheidet über Megabyte, nicht über Geschmack.

Das zweite Kriterium klingt nach Projektmanagement-Folklore, hat aber eine harte ökologische Begründung. Ein Wireframe zu ändern kostet Minuten. Dieselbe Änderung nach dem Launch kostet Entwicklungszeit, neue Tests, ein Deployment und meistens einen Kompromiss, weil inzwischen etwas anderes darauf aufbaut. Der Ressourcenverbrauch einer Fehlentscheidung wächst mit ihrer Reifezeit.

Beim dritten Kriterium fällt mir auf, dass es nicht „Nutzertests“ sagt, sondern Beteiligung über den gesamten Prozess. Das ist ein Unterschied. Tests validieren, was schon gebaut ist. Beteiligung verhindert, dass Falsches gebaut wird.

Beim vierten werde ich unruhig, und dazu gleich mehr.

Bei datensm.art habe ich diese Reihenfolge bewusst eingehalten. Die Grundentscheidungen standen vor der ersten Zeile Template-Code: keine JavaScript-Bibliothek, eine Akzentfarbe, Bilder nur dort, wo sie etwas erklären statt zu dekorieren. Interessanter war aber, was danach passierte. Während der Template-Arbeit und beim Testen habe ich immer wieder nachgeschärft, sobald mir etwas auffiel: ein überflüssiger Request hier, eine Schriftgröße, die eine zusätzliche Datei nötig gemacht hätte, dort. Genau das meint der Zusatz „und überprüfe sie nach dem Start regelmäßig“. Nachhaltiges Design ist kein Zustand, den man einmal herstellt.

Wo ich weiter gehe

Nicht-menschliche Personas und klimaspezifische Sprints sind gut gemeint. In der Praxis habe ich noch kein Projekt gesehen, in dem eine „Planeten-Persona“ eine Designentscheidung tatsächlich gekippt hätte. Der Grund ist einfach: Eine Persona ist eine Haltung, und Haltungen verlieren gegen Deadlines.

Was gewinnt, ist eine Zahl.

Achtung
Ohne Byte-Budget entscheidet in der Designphase der Geschmack. Lege vor dem ersten Entwurf eine harte Obergrenze fest, etwa 500 KB pro Seite bei maximal 25 Requests. Erst dann werden Zielkonflikte sichtbar und verhandelbar: Wenn die zweite Schriftfamilie hinein soll, muss etwas anderes hinaus. Ein Budget verwandelt eine Absichtserklärung in eine Entscheidungsregel.

Ich gehe an dieser Stelle noch einen Schritt weiter als die Guideline. Sie will Nachhaltigkeit in jede Phase integrieren. Ich will zusätzlich, dass in jeder Phase eine Streichliste geführt wird. In Ideationsprozessen entstehen Ideen additiv, das ist ihr Zweck. Wenn niemand die Gegenrichtung organisiert, wächst der Entwurf zwangsläufig. Ein Prototyp, der bewusst weniger kann als der vorherige, ist ein legitimes Ergebnis eines Design-Sprints und wird trotzdem fast nie als Erfolg verbucht.

Effizienz optimiert das, was im Wireframe steht. Suffizienz entscheidet, was gar nicht erst hineinkommt.

Dein erster Schritt heute

Du brauchst keinen neuen Prozess. Du brauchst drei Zeilen in einem Dokument, das ohnehin existiert.

Tipp
Ergänze Deinen Style- oder Brand-Guide um drei Zahlen: maximales Seitengewicht in KB, maximale Anzahl an Requests, maximale Anzahl an Schriftschnitten. Miss danach Deine bestehende Startseite mit Lighthouse oder dem Website Carbon Calculator gegen diese Werte. Die Differenz ist Deine Aufgabenliste, und die drei Zahlen sind ab sofort Teil jeder Freigabe.

Und trage Dir einen Termin ein, an dem Du die Werte nach dem nächsten Release erneut prüfst. Websites werden nicht schlanker, wenn niemand hinschaut.

Nachhaltigkeit entsteht nicht im Code. Sie wird im Wireframe entschieden und im Markenhandbuch festgeschrieben.

Quelle: W3C-Fassung von Guideline 2.3