Das Siegel ist weg, die Frage bleibt
Seit dem 27. September sind selbst vergebene Nachhaltigkeitssiegel in Deutschland per se unzulässig. Ich habe darüber geschrieben, als wir web4nature eingestellt haben. Das Siegel verschwindet, die Frage dahinter bleibt: Woran erkennt jemand, ob hinter einer Nachhaltigkeitsaussage etwas steckt?
Die Green Web Foundation hat am 12. Oktober Version 0.6 von carbon.txt veröffentlicht und begründet die wichtigste Neuerung ausdrücklich mit EmpCo. Meine These: Das ist die richtige Richtung, weil sie vom Logo zum Beleg führt. Aber eine carbon.txt ist ein Wegweiser, kein Prüfstempel.
Was carbon.txt 0.6 neu kann
Zur Erinnerung: carbon.txt ist eine kleine Textdatei unter /carbon.txt, die maschinenlesbar auf Nachhaltigkeitsdokumente und Dienstleister verweist. Ich habe sie im Mai vorgestellt und im August im DAX vergeblich gesucht. Version 0.6 bringt drei Neuerungen:
- Zertifizierungen: Ein eigener Abschnitt listet Zertifizierungssysteme, also unabhängige Organisationen, die Standards setzen und deren Einhaltung prüfen. Die Green Web Foundation nennt B Corp, TCO Certified und den Blauen Engel für Software als Beispiele. Einzelne Dokumente lassen sich mit einer Zertifizierung verknüpfen, etwa das Zertifikat oder ein Prüfbericht.
- Messdaten: Der neue Dokumenttyp „measurement-data“ kennzeichnet Dokumente mit gemessenen oder geschätzten Werten zu Energie, Emissionen und anderen Wirkungen.
- Beschreibungen: Jedes verlinkte Dokument kann eine kurze Beschreibung bekommen. Das hilft bei langen Berichten, in denen nur wenige Seiten relevant sind.
Bestehende Dateien bleiben gültig. Niemand muss umstellen.
Die Green Web Foundation räumt auch bei sich auf
Bemerkenswert ist, wie offen die Stiftung mit ihrem eigenen Problem umgeht. Ihr Badge sagt „green hosting“, und genau dieses unbestimmte „grün“ hält sie unter EmpCo selbst für heikel. Seit dem 1. Oktober akzeptiert sie bei der Verifizierung keine CO₂-Kompensation mehr. Das Badge soll eine genauere Formulierung bekommen, und wer unsicher ist, soll es bis dahin entfernen.
Außerdem prüft die Stiftung, ob sie eine nach ISO 17065 akkreditierte Zertifizierungsstelle werden kann. Das wäre teurer, als ihre Spenden heute tragen. Es ist dieselbe Rechnung, an der web4nature und CleanerWeb gescheitert sind.
Ein Verweis ist kein Nachweis
Hier liegt die Grenze von carbon.txt. Die Datei prüft nichts. Wer dort eine Zertifizierung einträgt, behauptet sie nur, an einer neuen, maschinenlesbaren Stelle. Wert hat das Feld erst, wenn eine unabhängige Stelle dahintersteht und das verlinkte Dokument den Nachweis enthält. Dann allerdings nützt es doppelt: Zertifizierer können ihre Belege an einer festen Stelle abholen.
Messwerte statt Selbstlob
Für die meisten kleinen Websites ist deshalb nicht der Zertifizierungsabschnitt der spannende Teil, sondern „measurement-data“. EmpCo verlangt, dass allgemeine Umweltaussagen konkret belegt werden. Eine Seite mit nachvollziehbaren Zahlen leistet genau das: Seitengewicht, Datenvolumen, Methode und Messzeitpunkt.
Wer es maschinenlesbar will, kann zusätzlich eine Datei im DIST-Format veröffentlichen. DIST ist ein offenes JSON-Schema der Green Web Foundation für Wirkungsdaten, mit Angaben zu Abgrenzung, Methode und Verlässlichkeit. Es schreibt keine Rechenmethode vor und ist ausdrücklich keine Zertifizierung.
Die carbon.txt von datensm.art habe ich auf Version 0.6 umgestellt. Eine Zertifizierung steht dort nicht, weil ich keine habe. Neu ist eine Beschreibung der Nachhaltigkeitsseite. Und auf dieser Seite habe ich einen Satz korrigiert: Dort stand, die carbon.txt enthalte Angaben zur Energieversorgung. Das tat sie nicht.
Quellen: Green Web Foundation: Carbon.txt v0.6 · Green Web Foundation: What does the EU EmpCo Directive mean for my Green Web Foundation badges or my verification? · carbon.txt: Syntax · DIST: Schema
