Endloses Scrollen ist die einzige verbreitete Interface-Technik, die Daten überträgt, ohne dass jemand danach gefragt hat. Ein Feed, der bei jedem Nachladen zwanzig weitere Einträge zu je 200 KB holt, hat nach zehn gedankenlosen Wischbewegungen 4 MB übertragen. Angefordert hat der Nutzer davon exakt nichts. Er hat gescrollt, weil unten immer noch etwas kam. Genau solche Muster meint Guideline 2.5, und sie ist damit die einzige Regel im Kapitel, die den Energieverbrauch über die Zeit adressiert statt über das Gewicht.
Die drei Erfolgskriterien von Guideline 2.5
Aufmerksamkeit der Nutzer respektieren: Sorge dafür, dass Nutzer steuern können, wann und wie sie Informationen erhalten, und respektiere dabei ihre Aufmerksamkeit, ihre Konzentration und ihre geistige Anstrengung.
Ablenkungsfreie Gestaltung: Zeige Nutzern die Informationen, die für ihre aktuelle Aufgabe relevant sind, und vermeide unnötige Unterbrechungen sowie konkurrierende Interface-Elemente. Verzögere oder klappe ein, was nicht sofort gebraucht wird, halte es aber leicht auffindbar. Zeige Pop-ups, modale Fenster oder andere störende Interface-Elemente nur dann, wenn der Nutzer sie selbst öffnet. Setze dekorative Gestaltung nur ein, wenn sie die Nutzererfahrung verbessert, und mache optionale Assets entfernbar oder standardmäßig abgeschaltet. Entferne dabei keine Informationen oder Funktionen, die für Barrierefreiheit, Sicherheit oder unterschiedliche Nutzerbedürfnisse wichtig sein können.
Aufmerksamkeitsfallen entfernen: Vermeide Design-Muster, die Nutzer länger binden als nötig, etwa endloses Scrollen oder das Deaktivieren üblicher Browser-Steuerelemente und Navigationsfunktionen.
Meine Einordnung
Der wichtigste Halbsatz steht am Ende des zweiten Kriteriums: optionale Assets entfernbar oder standardmäßig abgeschaltet. Das ist eine ungewöhnlich konkrete Forderung für eine Design-Guideline, und sie verschiebt eine Entscheidung, die sonst der Betreiber trifft, zum Nutzer.
Bei datensm.art halte ich es genau so. Wer Bilder oder ein bestimmtes Farbschema will, bekommt es. Wer nicht, bekommt eine Seite, die trotzdem vollständig funktioniert. Diese Haltung ist nicht Bequemlichkeit, sondern Konsequenz: Der Betreiber kennt weder das Gerät noch die Verbindung noch die Tagesform der Person am anderen Ende. Wer alles verbindlich ausliefert, entscheidet über fremden Datenverbrauch mit.
Das Kriterium nennt außerdem Pop-ups und modale Fenster, die nur auf Nutzerwunsch erscheinen dürfen. Damit ist der Elefant im Raum benannt, auch wenn ihn niemand ausspricht: das Consent-Banner. Es ist das einzige modale Fenster, das praktisch jeder Nutzer bei praktisch jedem Erstbesuch wegklicken muss. Und es lässt sich vollständig vermeiden, indem man keine einwilligungspflichtigen Cookies setzt. Datensparsamkeit löst hier ein Usability-Problem als Nebenwirkung.
Bemerkenswert ist zuletzt der Schutzsatz, den W3C ergänzt hat und der bei Sustainable Web Design fehlt: Es darf nichts entfernt werden, was für Barrierefreiheit, Sicherheit oder abweichende Bedürfnisse wichtig ist. Ohne diesen Satz wäre „weniger“ ein bequemes Alibi, um Sprungmarken, Alternativtexte oder Fokusanzeigen einzusparen. Reduktion darf Zierrat treffen, nicht Zugang.
Wo ich weiter gehe
Die Guideline regelt, was Du zeigst. Sie sagt nichts darüber, was passiert, wenn Teile davon nie ankommen. Und das ist in der Praxis der häufigere Fall.
Schriften laden nicht, weil eine Verbindung wegbricht. Bilder werden vom Datensparmodus unterdrückt. JavaScript scheitert an einer Firewall. Eine Seite, die nur im Idealfall funktioniert, ist nicht ablenkungsfrei, sondern zerbrechlich. Deshalb prüfe ich bei jedem Template drei Ausfälle: ohne Webschriften, ohne Bilder, ohne JavaScript. Beim Verzicht auf Webschriften greift eine Systemschrift, und dann muss das Layout weiterhin stimmen. Mit font-display: swap erscheint der Text sofort in der Ersatzschrift, und mit den Deskriptoren size-adjust und ascent-override lässt sich diese so anpassen, dass beim Nachladen nichts mehr springt. Das verbessert zugleich die Core Web Vitals, weil Layoutverschiebungen in CLS einfließen.
Beim Farbschema kommt eine unangenehme Wahrheit dazu.
Und schließlich das Gerät: Was auf einem 27-Zoll-Monitor luftig wirkt, wird auf 360 Pixel Breite zur Rutschbahn. Mobile Nutzung ist längst der Regelfall, nicht die Anpassung an einen Sonderfall.
Dein erster Schritt heute
Du brauchst keine Umgestaltung. Du brauchst zehn Minuten mit ausgeschalteten Zutaten.
Danach kümmerst Du Dich um das, was von selbst kommt: Autoplay abschalten, endloses Scrollen durch Seitenzahlen ersetzen, Overlays nur auf Klick öffnen.
Die beste Gestaltung ist die, die man weglassen kann, ohne dass die Information verschwindet.
Quelle: W3C-Fassung von Guideline 2.5
