Die Lieferkette einer Website steht im Netzwerk-Tab des Browsers. Dort ist zu sehen, mit wem Deine Seite spricht: ein Schriftenanbieter, ein Kartendienst, ein Videoportal, ein Analysewerkzeug, ein Bewertungssiegel, dazu Hosting und vielleicht ein CDN. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die wenigsten dieser Lieferanten bewusst ausgewählt wurden. Sie kamen mit einem Plugin, mit einem Template oder mit dem Wunsch nach einer bestimmten Funktion. Guideline 5.14 verlangt, aus dieser gewachsenen Sammlung eine Entscheidung zu machen.
Die drei Erfolgskriterien von Guideline 5.14
Prüfung möglicher Partner: Wende Nachhaltigkeitsgrundsätze bei der Auswahl und Steuerung von Lieferanten, Partnern und Dienstleistern entlang der Lieferketten an. Lege Beschaffungskriterien und Sorgfaltsprüfungen fest, die ökologische und soziale Auswirkungen sowie relevante Lebenszyklusaspekte berücksichtigen.
Gemeinsame Messung: Arbeite mit Deinen Lieferanten zusammen, um Auswirkungen auf Betroffene zu erfassen, nachzuverfolgen und zu messen.
Informative Darstellung von Partnerschaften: Mache Partnerschaften an einer öffentlich zugänglichen Stelle sichtbar und erläutere dabei, welche gemeinsame Wirkung durch die Partnerschaft entsteht.
Meine Einordnung
Das erste Kriterium klingt nach Einkaufsabteilung und meint auch genau das. In der neuen Fassung steht es sogar ausdrücklich da: Beschaffungskriterien, Sorgfaltsprüfungen, ökologische und soziale Auswirkungen, Lebenszyklusaspekte. Vorher war von allgemeinen Prinzipien und Prüfrichtlinien die Rede, jetzt vom Beschaffungsvorgang selbst. Genau daran fehlt es in der Praxis. Wenn Nachhaltigkeit nicht im Kriterienkatalog steht, kann sie in der Bewertung nicht auftauchen, und dann gewinnt zwangsläufig der Preis. Das ist kein Zynismus der Beteiligten, sondern schlichte Logik eines Bewertungsverfahrens: Was nicht gewichtet wird, zählt nicht.
Ich prüfe bei der Auswahl von Dienstleistern und Werkzeugen deshalb selbst, wie deren Website aufgebaut ist und ob sie nachweislich grün gehostet wird. Bei zwei vergleichbaren Angeboten entscheidet das. Und ich weiß, dass das eine Ausnahme ist. In den allermeisten Vergaben, die ich erlebe, entscheidet der günstigste oder der kostenlose Anbieter, und niemand fragt nach dem Rest.
Bemerkenswert ist auch, was hier als Lieferant gilt. Die Guideline denkt an die gesamte Kette, ausdrücklich einschließlich Hardware und zunehmend KI-Diensten. Für eine Website heißt das: Hoster, Domainanbieter, Newsletter-Werkzeug, Bildarchiv, Schriftenlizenz, Analysewerkzeug, jede eingebundene Bibliothek. Diese Liste ist bei den meisten Organisationen länger als die Liste der klassischen Lieferanten und wird nie geprüft.
Das dritte Kriterium wirkt zunächst wie Marketing, hat aber einen nützlichen Nebeneffekt: Wer seine Partner öffentlich nennt, muss sie sich vorher genauer ansehen.
Wo ich weiter gehe
Die härteste Stelle ist der kostenlose Dienst, und die Guideline geht darauf nicht ein.
Praktisch heißt das für mich: Bei jedem eingebundenen Fremddienst gibt es drei mögliche Antworten. Ersetzen durch einen Anbieter, der seine Grundlagen offenlegt. Selbst betreiben, was bei Schriften, Bildern und einfachen Analysen meist problemlos möglich ist. Oder streichen, weil die Funktion den Preis nicht wert ist.
Für die Vergabepraxis habe ich eine einfache Empfehlung, die in Ausschreibungen tatsächlich funktioniert: Nachhaltigkeit nicht als Wunsch formulieren, sondern als Kriterium mit Gewichtung. „Wird auf nachweislich erneuerbar betriebener Infrastruktur gehostet“ ist prüfbar. „Liefert die Referenzseite unter 500 KB aus“ ist prüfbar. „Legt die eigene Werkzeugkette offen“ ist prüfbar. Drei solche Zeilen mit zusammen zehn oder fünfzehn Prozent Gewichtung ändern das Ergebnis öfter, als man denkt, und sie kosten den Auftraggeber nichts.
Und wenn am Ende doch der günstigste Anbieter gewinnt, hat der Prozess trotzdem etwas geleistet: Die Kriterien lagen auf dem Tisch, die Entscheidung war bewusst, und beim nächsten Mal steht die Zeile schon im Dokument.
Dein erster Schritt heute
Du brauchst keine Lieferantenrichtlinie. Du brauchst eine Liste mit vier Spalten.
Nimm dieselbe Liste als Grundlage für Deine nächste Ausschreibung, dann hast Du das Kriterienraster schon zusammen.
Wer nur den Preis vergleicht, bekommt genau das, was im Preis abgebildet ist. Alles andere wird trotzdem bezahlt, nur von jemand anderem.
Quelle: W3C-Fassung von Guideline 5.14
