Nachhaltigkeitswirkungen erfassen und offenlegen

Eine Website hat keinen Schornstein. Kein Lieferwagen fährt vor, nichts riecht, nichts qualmt. Genau das macht diese Guideline zur unbequemsten der ganzen Kategorie: Sie verlangt, Wirkungen zu benennen, die anderswo entstehen. In einer Mine, in einer Fabrikhalle, im Kühlwasser eines Rechenzentrums, in einer Schublade voller ausgemusterter Telefone.

Info

Die zwei Erfolgskriterien von Guideline 2.1

Wirkungsanalyse: Überprüfe die Auswirkungen Deines Projekts auf Planet, Menschen und Wohlstand zu Beginn und in regelmäßigen Abständen. Halte die wesentlichen Probleme fest, die Du erkennst, wo Verbesserungen nötig sind und welche Fortschritte Du erzielst. Bilde diese Erkenntnisse in Deinen öffentlich zugänglichen Governance-Dokumenten und in der Projektberichterstattung ab.

Externe Wirkung: Erstelle einen Plan, um die nicht digitalen ökologischen und sozialen Auswirkungen der digitalen Aktivitäten rund um Dein Projekt zu verringern. Berücksichtige dabei Emissionen aus Logistik und Auslieferung, Emissionen der Infrastruktur, lokale Gesundheitsfolgen und Belastungen der Lieferkette. Nutze messbare Maßnahmen, um die externen Ergebnisse für Planet, Menschen und Wohlstand zu verbessern.

Meine Einordnung

Im ersten Kriterium stecken zwei Wörter, die den Unterschied ausmachen: in regelmäßigen Abständen. Eine einmalige Bestandsaufnahme zum Projektstart ist keine Wirkungsanalyse, sondern eine Momentaufnahme, die schon veraltet ist, wenn der erste größere Relaunch kommt. Und der zweite entscheidende Halbsatz verlangt, die Erkenntnisse öffentlich zugänglich zu machen. Nicht in einer internen Präsentation, sondern dort, wo jeder sie nachlesen kann.

Bei mir sind das ein paar schlichte Seiten im Fußbereich: eine zur Nachhaltigkeit dieser Website, eine zur Barrierefreiheit, eine zur Transparenz beim Einsatz von KI. Dazu eine maschinenlesbare carbon.txt. Das ist kein Nachhaltigkeitsbericht im Sinne eines Konzerns, sondern das, was für ein Ein-Personen-Unternehmen angemessen ist. Der Punkt ist nicht der Umfang, sondern die Überprüfbarkeit: Wer wissen will, wie diese Seite betrieben wird, muss mich nicht fragen.

Das zweite Kriterium ist das, was ich beim ersten Lesen für einen Fremdkörper gehalten habe. Logistik? Lieferketten? Lokale Gesundheitsfolgen? Bei einer Website? Genau hier liegt aber der blinde Fleck der ganzen Branche. Der Rechenaufwand ist nur die Spitze. Darunter liegen die Geräte, auf denen alles läuft, und die sind vor allem eines: physisch. Beim Smartphone entstehen rund 80 Prozent der Emissionen bereits bei der Herstellung, lange bevor jemand die erste Seite damit aufruft. Allein in deutschen Schubladen liegen geschätzt 200 Millionen ausgemusterte Geräte, jedes mit ein bis zwei Gramm Gold darin. Rechenzentren wiederum verbrauchen Wasser zur Kühlung und erzeugen Lärm, und das trifft die Menschen, die daneben wohnen, nicht die, die dort Server mieten.

Wo ich weiter gehe

Und damit zur Gefahr dieser Guideline, denn sie ist die am leichtesten vorzutäuschende im ganzen Dokument. Alle anderen verlangen technische Veränderungen, die sich messen lassen: weniger Kilobyte, kürzere Ladezeiten, weniger Abfragen. Diese hier verlangt vor allem, etwas aufzuschreiben. Und Aufschreiben ist billig.

Ich sehe das regelmäßig in Beratungsgesprächen: hochglänzende Nachhaltigkeitsseiten neben Websites, die vier Megabyte pro Aufruf übertragen und ein Dutzend Tracker mitschleppen. Der Bericht ist dann nicht die Dokumentation einer Verbesserung, sondern ihr Ersatz. Deshalb drehe ich die Reihenfolge um: Erst reduzieren, dann berichten. Wer zuerst berichtet, hat am Ende einen Bericht.

Und noch etwas gehört zur Ehrlichkeit dazu, das in kaum einer Offenlegung steht: die Lücken. Ich weiß, wie meine Seite gehostet wird und wie viele Daten sie überträgt. Ich weiß nicht, über welche Netze diese Daten laufen und auf welchen Geräten sie ankommen. Genau das ist auch der Grund, warum ich zusätzlich kompensiere. Eine Offenlegung, die benennt, was sie nicht weiß, ist glaubwürdiger als eine, die für alles eine geschmeidige Zahl parat hat.

Achtung
Ein Bericht ist keine Reduktion. Eine Nachhaltigkeitsseite auf einer vier Megabyte schweren Website dokumentiert keine Verbesserung, sie ersetzt sie. Miss zuerst, reduziere danach, und veröffentliche erst, wenn es etwas zu veröffentlichen gibt.

Dein erster Schritt heute

Fang nicht mit einer Analyse an, sondern mit einer Seite, auf der steht, was Du weißt.

Tipp
Leg eine öffentliche Seite an und beantworte darauf drei Fragen so knapp wie möglich: Wo und womit wird diese Website betrieben? Wie viel Datenvolumen überträgt eine typische Seite, gemessen mit einem Werkzeug Deiner Wahl? Und was nimmst Du Dir als Nächstes vor? Setz ein Datum darunter und trag Dir eine Erinnerung ein, in einem halben Jahr nachzuschauen. Diese eine Seite erfüllt beide Kriterien im Kleinen, und sie ist ehrlicher als jeder Bericht, für den Du erst ein Projekt aufsetzen musst.

Und wenn Du das zweite Kriterium ernst nehmen willst, ohne gleich eine Lieferkettenanalyse zu starten: Der wirksamste Beitrag zu den nicht digitalen Wirkungen ist eine Website, die auch auf einem fünf Jahre alten Telefon flüssig läuft. Denn kein Gerät spart so viel CO₂ wie das, das gar nicht erst hergestellt werden muss.

Nachhaltigkeit beginnt nicht mit dem Bericht darüber. Aber sie endet ohne ihn im Ungefähren.

Quelle: W3C-Fassung von Guideline 2.1