Eine Zahl im Footer ändert nichts. Ein Schalter schon. Immer mehr Websites zeigen inzwischen an, wie viel Gramm CO₂ ein Seitenaufruf angeblich verursacht hat. Das ist gut gemeint und meistens folgenlos, weil der Besucher mit dieser Information nichts anfangen kann. Er kann die Seite besuchen oder nicht, und das war es. Guideline 5.4 verlangt aber zwei Dinge in einem Satz: informieren und Optionen anbieten. Der zweite Teil fehlt fast überall, und genau er ist der wirksame.
Das einzige Erfolgskriterium von Guideline 5.4
Kommunikation der Wirkung: Zeige Nutzern, wie sich ihre Handlungen auf Energieverbrauch, Emissionen oder Ressourcenverbrauch auswirken, und biete ihnen Optionen an, die ihnen fundiertere Entscheidungen ermöglichen.
Meine Einordnung
Die entscheidende Frage lautet: Über welche Handlungen entscheidet ein Besucher überhaupt? Bei den meisten Websites ist die ehrliche Antwort: über fast nichts. Er ruft eine Seite auf, und was dabei übertragen wird, hat der Betreiber bestimmt. Eine Umweltinformation ohne Handlungsspielraum ist deshalb keine Ermächtigung, sondern Dekoration.
Es gibt allerdings eine Reihe von Stellen, an denen der Nutzer tatsächlich etwas bewegt, und dort lohnt sich die Mühe. Bilder laden oder nicht. Video in welcher Auflösung. Eine Datei in welchem Format und welcher Größe. Newsletter oder Feed. Autoplay oder Klick. In jedem dieser Fälle geht es um Megabyte, die real übertragen werden oder eben nicht.
Auf meiner Seite kann jeder Besucher entscheiden, ob Bilder überhaupt geladen werden, und ebenso, in welchem Farbschema er liest. An Downloads steht die Dateigröße, bei Videos die Auflösung. Das ist unspektakulär, aber es erfüllt genau das, was das Kriterium verlangt: Die Information steht an der Stelle, an der die Entscheidung fällt. Nicht auf einer Unterseite, nicht im Footer, sondern direkt am Element.
Und darin liegt der wichtigste Unterschied zu klassischer Nachhaltigkeitskommunikation. Eine Nachhaltigkeitserklärung beschreibt, was der Betreiber tut. Diese Guideline verlangt etwas anderes: dass der Besucher etwas tun kann.
Wo ich weiter gehe
An zwei Stellen bin ich deutlich skeptischer als die Guideline.
Der zweite Punkt wiegt schwerer. Wahlmöglichkeiten können zu einer Verschiebung von Verantwortung werden. Der Begriff des persönlichen CO₂-Fußabdrucks wurde maßgeblich durch eine Kampagne der Ölindustrie populär, und das war kein Zufall: Wer den Einzelnen zum Verantwortlichen macht, lenkt von den Entscheidungen ab, die weiter oben getroffen werden. Genau dasselbe Muster droht hier. Eine Seite, die 5 MB wiegt und dem Besucher einen Sparmodus anbietet, hat das Problem nicht gelöst, sondern delegiert.
Meine Reihenfolge lautet deshalb: erst die Voreinstellung sparsam machen, dann Optionen anbieten. Der Sparmodus ist kein Ausgleich für eine schwere Seite, sondern eine zusätzliche Rücksichtnahme auf Menschen mit knappem Datenvolumen, schwacher Verbindung oder altem Gerät. In dieser Reihenfolge ist er ein Gewinn. In der umgekehrten ist er ein Feigenblatt.
Und noch etwas gehört dazu, das die Guideline nicht sagt: Die Wahl muss erhalten bleiben. Eine Einstellung, die bei jedem Besuch zurückspringt, ist keine Option, sondern eine wiederkehrende Zumutung. Bei einer Umsetzung ohne Cookies funktioniert das über den lokalen Speicher des Browsers, und dann bleibt die Entscheidung dort, wo sie hingehört: beim Nutzer, nicht auf meinem Server.
Dein erster Schritt heute
Du brauchst keinen CO₂-Rechner. Du brauchst drei Beschriftungen.
Wenn Du eine Nachhaltigkeitserklärung hast, ergänze dort einen kurzen Abschnitt, welche Einstellungen Besucher auf Deiner Seite treffen können und was sie jeweils bewirken. Damit wird aus einer Selbstauskunft eine Gebrauchsanweisung.
Die beste Wahlmöglichkeit ist die, die niemand treffen muss, weil die Voreinstellung schon sparsam ist.
Quelle: W3C-Fassung von Guideline 5.4
