Die Umweltwirkung berechnen

Der größte Teil des Datenverkehrs vieler Websites geht nicht an Besucher. Er geht an Bots. Suchmaschinen-Crawler, KI-Bots, Monitoring-Dienste, Vorschaugeneratoren, Preisvergleiche, Sicherheitsscanner. Wer seine Emissionen mit einem Online-Rechner ermittelt, sieht davon nichts, denn ein solcher Rechner misst genau einen Seitenaufruf unter Idealbedingungen. Die Differenz zwischen „meine Startseite verursacht 0,3 Gramm“ und „mein Server hat im letzten Jahr 400 GB ausgeliefert, davon mehr als die Hälfte an Maschinen“ ist der ganze Punkt von Guideline 5.5. Sie verlangt keine Momentaufnahme, sondern eine Bilanz.

Info

Die drei Erfolgskriterien von Guideline 5.5

Ökobilanz: Führe eine Lebenszyklusanalyse (LCA) durch, um die Umweltwirkung jeder funktionalen Einheit zu verstehen, also einer definierten Messgröße des bewerteten Produkts oder Dienstes, einschließlich der Treibhausgasemissionen über den Lebenszyklus und weiterer relevanter Umweltwirkungen über den gesamten Projektlebenszyklus hinweg.

Wirkung im Vergleich: Bewerte die Umweltwirkung Deines Projekts im Vergleich zu vergleichbaren Alternativen, um daraus Entscheidungsziele abzuleiten. Beurteile, ob der zusätzliche Nutzen oder die Nachhaltigkeitsvorteile des Projekts seine Umweltwirkungen rechtfertigen.

Wirkung der Werkzeuge: Berücksichtige die tatsächliche oder geschätzte Wirkung aller Werkzeuge und Drittanbieterlösungen, die in irgendeiner Phase Deiner Prozesskette eingesetzt werden. Auch wenn Du sie nicht selbst erstellt hast, gehören die bei ihrer Herstellung, Wartung und Nutzung entstehenden Emissionen zu Deiner Gesamtlösung.

Meine Einordnung

Das erste Kriterium enthält einen Fachbegriff, an dem viele hängenbleiben: die funktionale Einheit. Gemeint ist die Frage, worauf Du eigentlich rechnest. Pro Seitenaufruf? Pro Besuch? Pro abgeschlossener Bestellung? Pro versendetem Newsletter? Ohne diese Festlegung ist jede Zahl unvergleichbar, auch mit Deiner eigenen vom Vorjahr. Wer sie festlegt, merkt außerdem schnell, dass sich Optimierungen unterschiedlich auswirken: Eine schlankere Seite senkt die Emissionen pro Aufruf. Eine bessere Navigation senkt die Zahl der Aufrufe pro Bestellung. Das zweite ist meist der größere Hebel.

Das zweite Kriterium ist das unbequemste des ganzen Kapitels. Es fragt, ob der Zusatznutzen eines Projekts seine Umweltwirkung überhaupt rechtfertigt. Das ist keine Optimierungsfrage mehr, sondern eine Existenzfrage. Und es ist die logische Vorstufe zu Guideline 5.13, die ausdrücklich prüfen lässt, ob ein digitales Produkt notwendig ist. Ein Standard, der diese Frage stellt, meint es ernst.

Das dritte Kriterium hat in den letzten Jahren erheblich an Gewicht gewonnen. Zur Prozesskette gehören heute nicht nur Hosting und CDN, sondern jeder Build-Durchlauf, jeder automatisierte Test, jede Bildkonvertierung und zunehmend KI-Werkzeuge im Redaktions- und Entwicklungsalltag. Nicht ohne Grund führt die aktuelle W3C-Fassung hier das Schlagwort KI. Wer seine Emissionen berechnet und die eigene Werkzeugkette ausklammert, rechnet an der Hälfte vorbei.

Wo ich weiter gehe

Die Guideline sagt, dass gerechnet werden soll. Sie sagt nicht, woher die Daten kommen. Meine Antwort darauf sind die Server-Logfiles, und ich halte sie für die ehrlichste Quelle, die es gibt.

Ich schaue mir regelmäßig an, wie sich der ausgelieferte Datenverkehr auf Dateitypen verteilt. Wie viel entfällt auf Bilder, wie viel auf Schriften, wie viel auf HTML? Und innerhalb der Bilder: Wie oft wurde tatsächlich WebP ausgeliefert und wie oft das JPEG als Ersatz? Diese eine Auswertung beantwortet gleich mehrere Fragen: ob die Formatumstellung greift, ob ein Fallback noch gebraucht wird und wo das Volumen wirklich entsteht. Dazu kommt die Aufteilung zwischen Menschen und Maschinen, denn beim Bot-Anteil liegt oft der überraschendste Befund.

Das ist aufwendig. Logfiles werden groß, und man muss sie erst einmal zu fassen bekommen. Aber der Erkenntnisgewinn steht in keinem Verhältnis zum Aufwand, weil hier reale Auslieferungen stehen und keine Modellannahmen.

Achtung
Die Zahl, die Dir am meisten fehlt, ist die, die Du nicht misst. Analytics-Werkzeuge im Browser erfassen nur Besucher, die Skripte ausführen. Bots, Feed-Abrufe, Monitoring, API-Zugriffe und automatisch erzeugte Bildvarianten tauchen dort nie auf, verursachen aber echten Datenverkehr. Wer seine Bilanz auf Analytics-Daten stützt, unterschätzt sie systematisch, häufig um ein Vielfaches.

Ein Wort zur Genauigkeit: Ich rechne bewusst zweistufig. Das übertragene Datenvolumen ist eine Messung und damit belastbar. Die Umrechnung in Gramm CO₂ ist eine Modellannahme und damit eine Schätzung mit erheblicher Bandbreite. Beides zu trennen erspart Dir peinliche Diskussionen: Über Deine Gigabyte kann niemand streiten, über Deine Emissionsfaktoren jeder.

Dein erster Schritt heute

Du brauchst keine Ökobilanz nach Norm. Du brauchst eine Woche Logfiles.

Tipp
Zieh Dir die Zugriffsprotokolle einer typischen Woche und werte drei Dinge aus: das gesamte übertragene Volumen, die Verteilung nach Dateiendung und den Anteil der Zugriffe mit Bot-Kennung in der User-Agent-Zeile. Werkzeuge wie GoAccess erledigen das in Minuten, notfalls reicht eine Auswertung mit Bordmitteln der Kommandozeile. Rechne das Ergebnis auf ein Jahr hoch. Diese eine Zahl ist mehr wert als jeder Seitenrechner.

Wenn Dich der Bot-Anteil erschreckt, ist das kein Fehler in der Messung, sondern der Grund, warum diese Guideline existiert.

Eine Bilanz, die nur die Besuche zählt, die man sich wünscht, ist keine Bilanz.

Quelle: W3C-Fassung von Guideline 5.5