Unerwünschte Benachrichtigungen vermeiden

Mozilla hat 2019 ausgewertet, wie Nutzer auf die Abfrage nach Browser-Benachrichtigungen reagieren. Von rund 48 Millionen Anfragen wurde etwa ein Prozent angenommen. Der Rest wurde abgelehnt oder ignoriert. Das ist eine bemerkenswerte Quote: Eine Funktion, die 99 Prozent der Menschen aktiv wegklicken, ist auf praktisch jeder Website eingebaut. Sie kostet dabei nicht nur Nerven, sondern auch Ressourcen: einen registrierten Service Worker, JavaScript im Seitenaufbau und einen Unterbrechungsmoment genau dann, wenn jemand gerade zu lesen anfängt. Guideline 2.12 hat für diesen Fall eine klare Haltung, und W3C hat sie gegenüber älteren Fassungen sogar verschärft. Die Regel hieß früher „nützliche Benachrichtigungen bereitstellen“. Heute heißt sie „unerwünschte vermeiden“.

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Die zwei Erfolgskriterien von Guideline 2.12

Bedarf an Benachrichtigungen: Versende nur Benachrichtigungen, die den Präferenzen der Nutzer entsprechen oder die sie ausdrücklich angefordert haben. Vermeide unnötige E-Mails, SMS-Nachrichten und Push-Benachrichtigungen. Gib Nutzern eine klare Kontrolle über jede einzelne Art von Benachrichtigung.

Einstellungen für Benachrichtigungen: Lass Nutzer ihre Benachrichtigungs- und Nachrichteneinstellungen einfach verwalten. Mache die Optionen zum Abbestellen, zum Abmelden und zum Schließen des Kontos sichtbar und zugänglich. Schalte optionale Benachrichtigungen standardmäßig ab und aktiviere sie erst nach ausdrücklicher Zustimmung.

Meine Einordnung

Eine Benachrichtigung ist die einzige Ressource, die eine Website verschickt, ohne dass jemand die Seite aufgerufen hat. Alles andere folgt einer Anfrage. Deshalb ist der Maßstab hier ein anderer als bei Bildern oder Schriften: Nicht die Größe entscheidet, sondern die Legitimation.

Ich verzichte auf meiner Seite vollständig auf Browser-Push. Nicht weil die Technik schlecht wäre, sondern weil die Rechnung nicht aufgeht. Ein Prozent Zustimmung bedeutet, dass 99 Prozent der Besucher die Kosten tragen und niemand den Nutzen hat. Dazu kommt: Eine Push-Benachrichtigung weckt ein Gerät auf, das eigentlich im Ruhezustand war. Der Aufbau der Funkverbindung kostet deutlich mehr Energie als die paar hundert Byte Nutzlast vermuten lassen.

Das zweite Kriterium verlangt sichtbare Wege hinaus: abbestellen, abmelden, Konto schließen. Das ist die direkte Fortsetzung der Regel gegen manipulative Muster. Ein versteckter Abmeldelink ist ein Dark Pattern, und er ist zusätzlich ein Ressourcenproblem, weil er dafür sorgt, dass Empfänger in der Liste bleiben, die längst nicht mehr lesen.

Und es gibt eine Unterbrechung, die technisch keine Benachrichtigung ist, sich aber genau so anfühlt: das Einwilligungsbanner. Es erscheint ungefragt, es unterbricht, und es muss weggeklickt werden. Ich habe es auf meiner Seite nicht, weil ich keine einwilligungspflichtigen Cookies setze. Das ist der bequemste Weg, ein Usability-Problem zu lösen: die Ursache entfernen statt die Zustimmung einzuholen.

Wo ich weiter gehe

Interessanterweise argumentiert Sustainable Web Design im Nutzen-Abschnitt genau andersherum als ich. Dort steht, Benachrichtigungen könnten Emissionen sparen, weil Menschen dann nicht ständig eine Seite neu laden müssen, um zu prüfen, ob es etwas Neues gibt.

Das ist nicht falsch. Wer zehnmal am Tag eine Startseite lädt, um nachzusehen, überträgt bei 1 MB pro Aufruf 10 MB, wo eine einzige Nachricht wenige Kilobyte gekostet hätte. Die Schlussfolgerung ist also nicht „keine Benachrichtigungen“, sondern: der Abruf sollte vom Nutzer ausgehen, nicht vom Anbieter.

Genau dafür gibt es seit Jahrzehnten die sparsamste Lösung des Webs, und sie taucht in der Guideline nicht auf: RSS. Der Feed liegt als kleine Datei auf dem Server, der Nutzer entscheidet, mit welchem Programm und in welchem Takt er ihn abruft, es gibt keine Registrierung, keine Adresse und kein Tracking. Ein Newsletter ist die zweitbeste Variante, weil er eine Adresse verlangt, aber er hat einen ausdrücklichen Wunsch als Grundlage.

Damit landet man allerdings bei einem Bestand, der gepflegt werden will.

Achtung
Eine Verteilerliste ohne Bereinigung ist die Benachrichtigungsvariante von Dark Data. Bei 10.000 Adressen und einer Ausgabe von 100 KB überträgst Du pro Versand 1 GB. Sind 20 Prozent der Empfänger seit Jahren inaktiv, verschickst Du bei monatlichem Rhythmus jährlich rund 2,4 GB an Menschen, die nicht lesen. Das ist kein Reichweitenproblem, sondern ein Datenhygieneproblem.

Meine Regel dafür ist einfach: Was ich verschicke, muss angefordert worden sein, es muss sich mit einem Klick beenden lassen, und wer über längere Zeit nicht reagiert, fliegt nach einer Rückfrage aus der Liste. Das kostet Abonnentenzahlen und verbessert alles andere, von der Zustellrate bis zur Datenmenge.

Dein erster Schritt heute

Prüfe zuerst, ob Deine Seite überhaupt etwas verlangt, das niemand wollte.

Tipp
Durchsuche Deinen Quelltext nach Notification.requestPermission und nach registrierten Service Workern mit Push-Funktion. Findest Du etwas, entferne es, sofern Du nicht belegen kannst, dass Nutzer es tatsächlich verwenden. Prüfe anschließend Deinen Newsletter: Ist der Abmeldelink im ersten Bildschirmbereich sichtbar und funktioniert er mit einem einzigen Klick, ohne Login?

Und wenn Du ohnehin gerade dabei bist: Biete einen RSS-Feed an und verlinke ihn sichtbar. Er kostet Dich bei einem statischen Generator praktisch nichts und gibt Deinen Lesern die Kontrolle zurück.

Die sparsamste Benachrichtigung ist die, um die jemand gebeten hat. Die zweitsparsamste ist die, die er sich selbst abholt.

Quelle: W3C-Fassung von Guideline 2.12