„Wir wollen nachhaltiger werden“ ist kein Ziel, sondern eine Stimmung. Ein Ziel hat eine Zahl, eine Einheit und ein Datum. Für Websites ist die naheliegendste Zahl das Seitengewicht, und der Vergleichsmaßstab liegt offen: Die durchschnittliche Seite wiegt heute rund 2,6 MB. Wer sich vornimmt, darunter zu bleiben, hat immerhin etwas Überprüfbares. Wer sich vornimmt, 90 Prozent darunter zu liegen, hat ein Ziel, das Entscheidungen erzwingt. Meine eigene Seite liegt in dieser Größenordnung, und das ist kein Kunststück, sondern die Summe aus konsequentem Weglassen.
Das einzige Erfolgskriterium von Guideline 5.6
Web-Nachhaltigkeitsziele: Definiere und veröffentliche klare Nachhaltigkeitsziele für das Web. Bestimme messbare Leistungskennzahlen und kommuniziere den Fortschritt gegenüber diesen Zielen, damit andere die Nachhaltigkeitsleistung nachvollziehen und bewerten können.
Meine Einordnung
Drei Verben stecken in diesem einen Satz, und sie werden unterschiedlich ernst genommen.
Definieren macht fast jeder irgendwann. Veröffentlichen kaum jemand. Und den Fortschritt kommunizieren fast niemand, denn dazu müsste man auch berichten, wenn die Zahlen sich verschlechtert haben. Genau darin liegt die Wirkung dieser Guideline: Ein internes Ziel kann man stillschweigend anpassen, ein veröffentlichtes nicht.
Bei den Kennzahlen empfehle ich, sich nicht auf eine einzige zu verlassen. Vier Werte decken das Feld für die meisten Websites ab: Seitengewicht in KB bei leerem Cache, Anzahl der Requests, Anzahl der Verbindungen zu Drittanbietern und das über ein Jahr insgesamt ausgelieferte Datenvolumen. Die ersten drei steuern die Gestaltung, der vierte verhindert eine Selbsttäuschung, auf die ich gleich zurückkomme.
Beim Ziel „unter dem Durchschnitt“ bin ich zwiegespalten. Als Einstieg ist es brauchbar, weil es einfach zu kommunizieren ist und weil viele Seiten weit darüber liegen. Als Anspruch ist es schwach.
Wo ich weiter gehe
Der Durchschnitt aller Websites ist keine Zielmarke, sondern eine Zustandsbeschreibung. Er ist über die Jahre kontinuierlich gestiegen, weil alle immer mehr eingebaut haben. Wer sich daran orientiert, übernimmt ein Ziel, das jedes Jahr bequemer wird. Ein Budget in absoluten Kilobyte ist ehrlicher: 500 KB bleiben 500 KB, egal was der Rest der Branche tut.
Dazu kommt eine zweite Falle.
Und dann gibt es Ziele, die keine Kilobyte messen, aber mehr bewirken als jede Optimierung. Die Zahl der eingebundenen Drittanbieter etwa, mit der ehrlichsten aller Zielmarken: null. Jeder externe Dienst bringt eigene Verbindungen, eigene Skripte, eigene Datenflüsse und eine Abhängigkeit, die Du nicht kontrollierst. Oder die bewusste Entscheidung gegen einen großen CDN-Anbieter, weil dessen Ökobilanz nicht nachvollziehbar offengelegt ist und weil man sich damit eine Blackbox einkauft, die mitentscheidet, wer die eigenen Inhalte überhaupt bekommt. Auch das ist ein Nachhaltigkeitsziel, nur eben eines, das man nicht in einem Balkendiagramm zeigen kann.
Der wichtigste Ort für all das ist aber nicht die Zielseite im Internet, sondern das Lastenheft. Nach dem Launch verhandelt niemand mehr über Seitengewicht. In der Ausschreibung dagegen ist eine Zeile wie „maximal 500 KB pro Seite bei höchstens 25 Requests, keine Drittanbieter-Skripte, Bilder und Farbschema durch den Nutzer abschaltbar“ eine Anforderung wie jede andere. Sie wird kalkuliert, geprüft und abgenommen. Wer digitale Nachhaltigkeit dauerhaft verankern will, schreibt sie nicht in ein Leitbild, sondern in einen Vertrag.
Dein erster Schritt heute
Du brauchst keine Nachhaltigkeitsstrategie. Du brauchst drei Zahlen und ein Datum.
Und wenn ohnehin ein Relaunch ansteht: Nimm dieselben Zahlen in die Ausschreibung auf. Das kostet Dich eine halbe Stunde und wirkt länger als jede Optimierung danach.
Ein Ziel ohne Zahl ist eine Stimmung. Ein Ziel ohne Datum ist ein Wunsch. Ein Ziel ohne Veröffentlichung ist beides.
Quelle: W3C-Fassung von Guideline 5.6
