Nachhaltigkeitsaussagen extern prüfen lassen

„Grünes Hosting“ ist die am häufigsten aufgestellte und am seltensten belegte Aussage der Webbranche. Sie steht in unzähligen Footern, und in den allermeisten Fällen hat sie niemand geprüft, weder der Betreiber noch ein Dritter. Genau darum geht es in Guideline 5.7. Bemerkenswert ist dabei, wie sich der Anspruch verändert hat: Ältere Fassungen sprachen von etablierten Zertifizierungen, die aktuelle W3C-Fassung verlangt eine unabhängige Prüfung oder Bestätigung. Der Unterschied ist nicht kosmetisch. Ein Siegel kann man erwerben. Einen Nachweis muss jemand geführt haben.

Info

Die zwei Erfolgskriterien von Guideline 5.7

Nachweis einholen: Nutze eine unabhängige Prüfung oder Bestätigung durch Dritte, um Nachhaltigkeitsaussagen zu belegen.

Nachweis aufrechterhalten: Überprüfe Nachhaltigkeitsaussagen im Zeitverlauf erneut und aktualisiere sie, wenn neue Erkenntnisse ihre Richtigkeit beeinflussen.

Meine Einordnung

Das zweite Kriterium ist das eigentlich anspruchsvolle. Nachhaltigkeitsaussagen haben ein Verfallsdatum, das niemand darauf schreibt. Ein Hoster wechselt seinen Stromvertrag, ein Rechenzentrum zieht um, ein Dienstleister wird übernommen. Die Grafik im Footer bleibt dieselbe. Wer eine Aussage trifft, übernimmt damit eine Pflicht zur Nachprüfung, und zwar wiederkehrend.

Beim ersten Kriterium lohnt sich eine Unterscheidung, die im Alltag ständig durcheinandergeht. Ein Zertifikat bescheinigt, dass eine Organisation ein Verfahren durchlaufen hat. Eine Prüfung bescheinigt, dass eine konkrete Aussage stimmt. Für Websites ist das Zweite meist relevanter und deutlich billiger zu haben. Für die Frage, ob ein Server mit erneuerbarer Energie betrieben wird, gibt es öffentlich einsehbare Datenbestände, in denen Anbieter Belege hinterlegen. Eine Domain lässt sich dort in Sekunden prüfen, und das Ergebnis stammt nicht vom Anbieter selbst.

Das ist für mich der Kern dieser Guideline: Nicht das eigene Marketing bestätigen lassen, sondern jede Aussage an eine Quelle binden, die nicht mir gehört.

Wo ich weiter gehe

Die Guideline denkt an die eigenen Aussagen. Ich drehe die Prüfung um und richte sie zusätzlich nach außen: Wessen Aussagen übernehme ich eigentlich ungeprüft, wenn ich fremde Dienste einbinde?

Die Bestandsaufnahme dafür ist erfreulich unspektakulär und kostet nichts. Öffne die Entwicklerwerkzeuge Deines Browsers, lade Deine Seite und schau im Netzwerk-Tab, mit welchen Domains überhaupt gesprochen wird. Diese Liste ist meist länger als erwartet: Schriften von einem Anbieter, ein Kartendienst, ein Videoportal, ein Bewertungssiegel, ein Analysewerkzeug, dazu ein Consent-Werkzeug, das die anderen verwalten soll.

Jede dieser Domains lässt sich anschließend einzeln prüfen. Es gibt öffentliche Dienste, die genau das leisten und für eine Website alle eingebundenen Drittanbieter gegen die Datenbank grüner Anbieter abgleichen. Am Ende steht eine Tabelle mit drei möglichen Konsequenzen: durch einen nachweislich grüneren Anbieter ersetzen, selbst hosten oder ersatzlos streichen. Bei Schriften ist die zweite Option fast immer die richtige, bei Bewertungssiegeln erstaunlich oft die dritte.

Bei der Bewertung des Ergebnisses bin ich allerdings nüchtern.

Achtung
Grünes Hosting ist der schwächste der großen Hebel. Eine Seite mit 5 MB auf einem Server mit Ökostrom belastet die Umwelt stärker als eine Seite mit 300 KB auf einem gewöhnlichen Server, weil der weitaus größte Teil der Wirkung bei Übertragung und Endgeräten anfällt und nicht im Rechenzentrum. Dazu kommt, dass viele Ökostromaussagen auf Herkunftsnachweisen beruhen und nicht auf physisch gelieferter Energie. Ein Zertifikat ersetzt keine Datenreduktion, es ergänzt sie.

Deshalb ist meine Reihenfolge unverändert: erst weniger Daten, dann weniger Drittanbieter, dann grüner Strom, dann Nachweise. Wer die Reihenfolge umdreht, landet bei einer zertifizierten schweren Website und hat ein Siegel gekauft statt ein Problem gelöst.

Und ein letzter Punkt, der oft übersehen wird: Prüfung schafft auch nach innen Klarheit. Wer einmal schriftlich hat, welche Aussage auf welchem Beleg beruht, kann sie im Zweifel verteidigen. Genau das unterscheidet eine belegte Aussage von Greenwashing, und zwar unabhängig davon, wie ehrlich die Absicht war.

Dein erster Schritt heute

Zwanzig Minuten reichen für eine vollständige Bestandsaufnahme.

Tipp
Lade Deine Startseite mit geöffneten Entwicklerwerkzeugen und notiere im Netzwerk-Tab jede fremde Domain, mit der Deine Seite Kontakt aufnimmt. Prüfe anschließend Deine eigene Domain und jede dieser Fremddomains mit einem öffentlichen Green-Web-Checker. Trag das Ergebnis in eine kleine Tabelle ein und markiere pro Zeile: ersetzen, selbst hosten oder streichen.

Setz Dir für diese Tabelle einen jährlichen Wiedervorlagetermin. Nachweise altern, und die Guideline verlangt genau deshalb ein zweites Kriterium.

Ein Siegel ist ein Versprechen. Ein Nachweis ist ein Beleg. Nur der zweite hält einer Nachfrage stand.

Quelle: W3C-Fassung von Guideline 5.7