Eine Zuständigkeit ohne Budget ist kein Amt, sondern ein Hobby. Guideline 5.2 zählt vier Dinge auf, die eine benannte Person braucht: Mittel, Budget, Werkzeuge und Zeit. In der Praxis wird regelmäßig genau eines davon vergeben, nämlich der Titel. Der Rest kommt zum Tagesgeschäft dazu. Und weil digitale Nachhaltigkeit nirgendwo Umsatz erzeugt und selten jemandem wehtut, wenn sie unterbleibt, verliert sie jede Priorisierungsrunde gegen die Dinge, die einen Termin haben. Das ist keine Frage des guten Willens, sondern eine Frage der Organisation.
Das einzige Erfolgskriterium von Guideline 5.2
Fürsprache für Nachhaltigkeit: Weise die Verantwortung für digitale Nachhaltigkeit klar zu, indem Du eine Nachhaltigkeitsleitung mit spezifischer digitaler Fachkenntnis benennst und ihr die Mittel, das Budget, die Werkzeuge und die Zeit zur Verfügung stellst, die sie zum Erreichen der gesetzten Ziele benötigt. In manchen Organisationen bringt es zusätzlichen Nutzen, dies zu einer Klima-Arbeitsgruppe aus motivierten Personen auszubauen.
Meine Einordnung
Zwei Wörter tragen dieses Kriterium: „spezifische digitale Fachkenntnis“.
In größeren Organisationen gibt es Nachhaltigkeitsverantwortliche längst. Sie kommen fast immer aus dem Umfeld von Umweltmanagement, Berichtswesen oder Gebäudebetrieb. Sie rechnen in Dienstreisen, Stromverträgen, Papierverbrauch und Lieferketten. Das ist ihr Handwerk und sie machen es gut. Nur weiß niemand von ihnen, was ein Request kostet, warum ein Videohintergrund auf der Startseite eine Entscheidung mit Klimawirkung ist oder wie viel Datenverkehr Bots verursachen.
Auf der anderen Seite steht die IT. Dort weiß man, was ein Request kostet, aber niemand hat je von Scope 3 gehört oder davon, dass die eigene Website in der Nachhaltigkeitsberichterstattung überhaupt vorkommen könnte.
Zwischen diesen beiden Welten fällt der digitale Fußabdruck durch. Er ist zu technisch für die Nachhaltigkeitsabteilung und zu wenig dringlich für die Entwicklung. Genau diese Lücke schließt die Guideline mit einer benannten Person, die beide Sprachen spricht. In meiner Beratung ist das der häufigste strukturelle Befund überhaupt, und er erklärt, warum in vielen Organisationen jahrelang nichts passiert, obwohl alle Beteiligten grundsätzlich einverstanden sind.
Der Hinweis auf die Arbeitsgruppe ist dabei mehr als eine Randbemerkung. Eine einzelne Person ist ein Ausfallrisiko: Wenn sie geht, geht das Thema mit.
Wo ich weiter gehe
Die Guideline sagt, wer zuständig sein soll. Sie sagt nicht, wie diese Person handlungsfähig wird. Und da beginnt meine eigene Aufgabe.
Digitale Nachhaltigkeit wird nirgendwo gelehrt. Weder in der Informatikausbildung noch in Nachhaltigkeitsstudiengängen taucht sie als eigenes Fach auf. Wer diese Rolle übernimmt, ist also fast immer Autodidakt, oft motiviert und meistens allein. Ich sehe es deshalb als einen Kern meiner Arbeit, solche Menschen zu befähigen, durch Schulungen, durch Mentoring und dadurch, dass ich ihnen Argumente in die Hand gebe, die im eigenen Haus tragen. Eine Fürsprecherin ohne Zahlen wird als Idealistin wahrgenommen. Eine Fürsprecherin mit Zahlen wird als Kollegin wahrgenommen.
Konkret braucht diese Rolle drei Dinge, die im Kriterium so nicht stehen. Erstens messbare Kennzahlen, mindestens Seitengewicht, Anzahl der Requests und Zahl der Drittanbieter-Verbindungen. Zweitens einen definierten Zeitpunkt der Mitsprache, etwa vor jeder Freigabe. Drittens ein Netzwerk außerhalb der eigenen Organisation, weil dieselben Fragen anderswo längst beantwortet wurden.
Und dann gibt es einen Nebeneffekt, vor dem ich ausdrücklich warne.
Die Rolle ist übrigens nicht nur etwas für Konzerne. Auch als Einzelkämpfer trägt man sie, nur unausgesprochen. Der Unterschied zwischen „ich achte da schon drauf“ und „ich habe mir dafür jeden ersten Montag im Monat zwei Stunden geblockt“ ist genau der Unterschied, den diese Guideline beschreibt.
Dein erster Schritt heute
Du brauchst keine Stellenausschreibung. Du brauchst einen Namen und einen Kalendereintrag.
Und wenn Du diese Rolle selbst übernimmst: Such Dir jemanden von außen, der die Fragen schon kennt. Der Umweg über eigene Fehler ist lehrreich, aber teuer, und die Zeit fehlt Dir woanders.
Nachhaltigkeit ohne Namen ist eine Absichtserklärung. Nachhaltigkeit ohne Zeit ist eine Zumutung.
Quelle: W3C-Fassung von Guideline 5.2
