Niemand optimiert Bilder um 23 Uhr am Abend vor dem Launch. Wenn die Zeit knapp wird, fällt als Erstes weg, was nicht sichtbar ist: die Komprimierung, das Aufräumen im Stylesheet, das Entfernen der ungenutzten Bibliothek, der Test auf dem alten Telefon. Nachhaltigkeit im Web besteht zu einem großen Teil aus Sorgfalt, und Sorgfalt braucht bezahlte Zeit. Genau deshalb steht in einem Standard für nachhaltige Websites eine Regel über faire Bezahlung. Sie wirkt auf den ersten Blick fremd und ist bei genauem Hinsehen die Voraussetzung für alles Technische davor.
Die drei Erfolgskriterien von Guideline 5.15
Existenzsichernde Bezahlung: Verpflichte Dich öffentlich dazu, Beschäftigten, Auftragnehmern und anderen betroffenen Parteien einen existenzsichernden Lohn zu zahlen.
Anreize: Verankere Anreize für betroffene Parteien wie Beschäftigte und Auftragnehmer in den Praktiken der Organisation, um Wirkungsziele zu unterstützen, gestützt auf klare Richtlinien dazu, wie Anreize gestaltet und angewendet werden.
Zusatzleistungen für Beschäftigte: Biete Zusatzleistungen an, die zu den verfügbaren Mitteln passen. Dazu können Gesundheitsversorgung, Altersvorsorge, flexibles Arbeiten und Gewinnbeteiligung gehören.
Meine Einordnung
Nachhaltigkeit hat drei Dimensionen, und die Web Sustainability Guidelines führen sie konsequent mit: Planet, Menschen, Wohlstand. Bei jeder einzelnen Guideline wird die Wirkung in allen drei Bereichen bewertet. Diese Regel ist der Punkt, an dem die zweite Dimension nicht mehr Nebenbedingung ist, sondern Hauptsache.
Das erste Kriterium nennt ausdrücklich auch Auftragnehmer und „andere betroffene Parteien“. Das ist der entscheidende Zusatz. Wer intern anständig bezahlt und gleichzeitig Aufträge zu Preisen vergibt, bei denen niemand anständig bezahlen kann, hat die Kosten nur verschoben. Genau das ist im Digitalen üblich: Die sichtbare Arbeit wird im Inland erbracht, die unsichtbare ausgelagert. Für Inhaltsprüfung, Datenaufbereitung und die Annotation von Trainingsdaten ist gut dokumentiert, dass sie häufig in Niedriglohnregionen stattfindet, unter Bedingungen, die niemand in der Auftraggeberorganisation akzeptieren würde.
Das zweite Kriterium ist das, worüber ich in Projekten am häufigsten stolpere. Anreize sollen Wirkungsziele unterstützen. In der Praxis unterstützen sie fast immer das Gegenteil: Wer nach ausgelieferten Funktionen, nach Reichweite oder nach Geschwindigkeit der Umsetzung bewertet wird, hat keinen Grund, etwas wegzulassen. Guideline 5.10 warnt bereits vor Kennzahlen, die unnötige Arbeit belohnen. Hier steht dieselbe Warnung auf der Ebene der Vergütung, und dort wirkt sie stärker.
Wo ich weiter gehe
Für mein Ein-Personen-Unternehmen ist diese Guideline schnell abgehandelt, und das schreibe ich offen: Es gibt keine Belegschaft, mit der Gewinne zu teilen wären. Interessant wird sie für mich in der anderen Rolle, nämlich als Auftraggeber.
Beim Einkauf von Leistungen führt die Preisfrage direkt zur Qualitätsfrage, und beide führen zur Nachhaltigkeit.
Ein Angebot, das deutlich unter den anderen liegt, ist nicht effizienter. Es enthält weniger Zeit. Diese fehlende Zeit taucht später wieder auf, als technische Schuld, als ungetestete Barrierefreiheit, als nicht optimierte Auslieferung und am Ende als vorgezogener Relaunch. Wer beim Einkauf drückt, verlagert Kosten in die Zukunft und Emissionen in den Betrieb.
Frag deshalb nicht nur nach dem Preis, sondern danach, wie viele Stunden für Tests, Optimierung und Wartung darin enthalten sind.
Der zweite Punkt, an dem ich über die Guideline hinausgehe, betrifft die Zeit selbst. Ein existenzsichernder Lohn ist die Untergrenze. Für nachhaltige Arbeitsergebnisse braucht es zusätzlich Spielraum im Zeitplan, denn Optimierung ist die Tätigkeit, die immer als Letztes eingeplant und als Erstes gestrichen wird. Wer Nachhaltigkeit will, muss sie als Position im Angebot stehen haben, mit Stunden und mit Preis. Als unbezahlte Zusatzleistung findet sie nur so lange statt, wie jemand freiwillig länger bleibt, und das ist keine Grundlage für einen Betrieb.
Und die dritte Ebene, die selten mitgedacht wird: Erfahrene Leute halten ist selbst eine Nachhaltigkeitsmaßnahme. Jeder Personalwechsel bedeutet, dass Wissen über ein System verloren geht und neu aufgebaut werden muss. Systeme, die niemand mehr versteht, werden nicht gepflegt, sondern ersetzt. Damit schließt sich der Kreis zur Dokumentation und zur Lebensdauer.
Dein erster Schritt heute
Du brauchst keine Vergütungsrichtlinie. Du brauchst eine Zeile im nächsten Angebot.
Nachhaltige Software entsteht nicht aus gutem Willen, sondern aus bezahlter Zeit.
Quelle: W3C-Fassung von Guideline 5.15
